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Martin Trageser, „Es liegt in der Luft eine Sachlichkeit“. Die Zwanziger Jahre im Spiegel des Werks von Marcellus Schiffer (1892-1932), Berlin: Logos 2007,  387 S.

Diese Würzburger Dissertation (2007) widmet sich einem weitgehend vergessenen Autor: Marcellus Schiffer hat Opernlibretti, Operetten und vor allem Revuen geschrieben, aber am erfolgreichsten war er als Chansontexter. Bis Anfang der siebziger Jahre, als ‚Diseusen‘ wie Blandine Ebinger oder Dora Dorette noch mit Solo-Programmen auftraten, wurde sein Name gelegentlich genannt, von den Jüngeren kennt ihn kaum noch jemand. Martin Trageser hat sich auf Spurensuche begeben: Schiffers Nachlaß (5 Laufmeter Manuskripte, Korrespondenz, Materialien etc.) befindet sich im Archiv der Akademie der Künste in Berlin (S. 8f.). Die Arbeit zeíchnet zunächst Schiffers Biographie nach (S. 10-140): Schiffers eher „unpolitische Haltung“ (S. 14) dürfte der Rezeption seiner Texte nach 1945 eher abträglich gewesen sein. Trageser rekapituliert die Beziehungsdramen des depressiven Autors (S. 48ff.), informiert aber vor allem über künstlerische Partnerschaften: Texte für Trude Hesterbergs „Wilde Bühne“ (S. 35ff.), die Erfindung der „Revuette“ 1926 (S. 76-81), Zusammenarbeit mit Friedrich Hollaender (S. 86-91) und Mischa Spoliansky (S. 93-99); auch die neue Textfassung der Fledermaus für Max Reinhardt (S. 104-106) kommt zur Sprache [Korngolds zweiter Vorname ist Wolfgang, nicht „Maria“, so S. 105].Der zweite Teil heißt „Die Weimarer Republik im Spiegel der Chansons von Marcellus Schiffer“ (S. 141-301), was nicht ganz richtig ist, denn etwa die Hälfte (S. 220-301) ist der „Kabarettrrevue“ Es liegt in der Luft (Musik: Spoliansky), dem Opernbuch Neues vom Tage für Hindemith und der „Kabarettoper“ Rufen Sie Herrn Plim! (Text Schiffer / Kurt Robitschek, Musik Spoliansly) gewidmet.Kurt Tucholsky, so lesen wir im kurzen „Nachwort“ (S. 302f.), schrieb über Schiffer, daß er „fast immer die herrlichsten Einfälle hat, und manchmal denke ich, verzeih mir die Sünde, man müsste ihm die Einfälle fortnehmen, denn was er dar[au]s macht, ist nicht immer gut“ (S. 303). Ähnlich mag der Leser Tragesers Umgang mit seinen Quellen empfinden: Die Kommentare zu den Chanson-Texten sind selten tiefgründig, dafür umständlich; (zu) oft beschränken sie sich darauf festzustellen, daß Schiffer sich über etwas oder jemanden „lustig macht“ (passim). Die allgemeineren Einleitungen zu den einzelnen Kapiteln (z.B. S. 142-164 zum „Kabarettchanson“) sind brav aus wenigen, oft populären Überblicksdarstellungen zusammengeschrieben. Wenn der Autor einen Exkurs in die Vorgeschichte des Kabarettchansons wagt (S. 149), heißt es, Karl der Große habe „Chansons über die Heldentaten seiner Ahnen“ gesammelt, was zumindest mißverständlich, oder „Die Troubadours sangen von der Minne, die Spielmänner dagegen Lieder mit heiter-frivolen Inhalten“, was dummes Zeug ist. Für die Charakterisierung der Literatur der Weimarer Republik sollte man nicht einen Artikel von Marcel Reich-Ranicki in der SonntagsFAZ heranziehen (S. 165). Gelegentlich, z.B. zur Jazz-Rezeption in Europa, wird der Zettelkasten ausgekippt (S. 258f.), auch sonst ist atomistische Reihung von Detailinformationen häufiger als zusammenhängende Darstellung. Der Verfasser weiß offensichtlich nicht, was ein „Wortspiel“ (vgl. S. 255, 288) oder was „Lautmalerei“ ist (S. 294) und verwechselt natürlich „tragisch“ mit „traurig“ (S. 292). Vieles ist schlampig oder schief formuliert, es sind auch etliche Schreibfehler stehengeblieben.Nützlich ist der Anhang, der eine erfreulich umfangreiche Auswahl von Chansontexten (S. 309-364), ein Verzeichnis der Bühnenwerke Schiffers (mit Angaben zur UA-Besetzung, S. 304-308) und ein summarisches, nach Gattungen geordnetes „Werkverzeichnis“ auf der Grundlage des Bestands im Archiv der Akademie der Künste bietet (S. 365-374). Trageser hat das Verdienst, an Schiffer erinnert zu haben; eine aussagekräftige Monographie über diesen Autor ist noch zu schreiben.

lasalvia24.20114 | 43

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