24.2014 | 48

Matthias Zipp, Die Remarque-Oper der austroamerikanischen Komponistin Dr. Nancy Van de Vate. All Quiet on the Western Front, Im Westen nichts Neues (Schriften des Erich Maria Remarque-Archivs, 29), Göttingen: V & R unipress – Osnabrück: Universitätsverlag Osnabrück 2013, 277 S.

Im Westen nichts Neues, das bis heute bekannteste Buch des (in Osnabrück geborenen) Erich Maria Remarque [ob es „auch heute noch zu den bekanntesten und meistgelesenen literarischen Werken auf der Welt gehört“, wie S. 26 vollmundig behauptet wird, darf bezweifelt werden], wurde zweimal verfilmt (S. 11) und war Stoffvorlage für eine Oper von Nancy Van der Vate (*1930, S. 13), von deren 1999 vollendeter engl. Fassung ein Einspielung auf CD existiert; die deutsche Version wurde 2003 an den Städtischen Bühnen Osnabrück uraufgeführt (S. 13). Die von Annette Simonis betreute (S. 9) Gießener Diss. beschäftigt sich mit der Oper und ihrer UA. Ein Kapitel zum Roman (S. 17-29) geht auf Genese, Veröffentlichung (Buch-Ausg. 1929) und Reaktionen von Presse und Leserschaft ein, gibt aber nur sehr knappe Hinweise zu Inhalt und Thematik (S. 26-29; Kernthema sei „die vom Krieg zerstörte Generation“, S. 29). Das Kap. zur Oper (S. 31-88) referiert über weite Strecken die – dürftige und wenig informative – Literatur zur Komponistin und bleibt recht oberflächlich. Auch die Gespräche des Verf. mit der Komponistin [wann, wie oft und wie lange sie Zipp Rede und Antwort stand und ob Mitschnitte existieren, wird nirgends präzisiert] scheinen nicht sonderlich ergiebig gewesen zu sein (daß eine Oper „unbedingt kontrastreich“ sein muß, S. 39f., ist weiß Gott keine neue Erkenntnis). Da sich „englische und deutsche Fassung nur marginal voneinander unterscheiden“ (S. 48), bedarf die Tatsache, daß es sich um eine und dieselbe Oper handelt (S. 50); kaum der Erwähnung; allerdings wirke „die deutsche Fassung phasenweise sehr ‚holprig‘“ (S. 49), deshalb geht die Untersuchung vom englischen Buch aus. Eine Parallele zwischen Remarque und Van der Vate sieht er darin, daß sich beide „im Verlaufe ihres künstlerischen Schaffens nachweislich wiederholt mit sozialen, politischen und historischen Themen auseinandergesetzt“ haben (S. 61) – wie Heinrich und Thomas Mann, Voltaire, Charles Dickens, Zola, Leonardo Sciascia und zahllose andere. – Nancy Van der Vate wird (im Anschluß an die musikwiss. Forschung) als „neuromantische Komponistin“ charakterisiert (S. 82), die Ausführungen zur Muskik (S. 83-88) bleiben vage – bzw. „wage“,, wie Zipp schreibt (S. 58). Er schreibt z.B. auch: „Mit der bitteren Erkenntnis, niemals auf Urlaub hätte kommen dürfen [sic], endet die erste Szene des zweiten Aktes“ (S. 77, ähnlich S. 27), stellt fest, es liege „mitunter“ [und dann wieder nicht??] „auch an der nahezu inexistenten Forschungsliteratur“, daß die Oper nicht bekannter sei (S. 13), gibt eine „dezidierte Übersicht über den Handlungsverlauf“ (S. 15, ähnlich 149; er meint vermutlich ‚detaillierte‘), und hält es für nötig festzustellen: „Ein zweiter signifikanter Unterschied betrifft die Sprache des Librettos. Singen die Protagonisten der Oper in der englischen Fassung bis auf Teile der Frauen-Episode [sic] auf Englisch, so singen sie in der deutschen Fassung der Oper auf Deutsch“ (S. 48; umgekehrt wäre es wenigstens originell). Enervierend ist die Hartnäckigkeit, mit der Zipp zitiert, was er unmittelbar vorher schon paraphrasiert hat (oder umgekehrt). Vor zwanzig Jahren hätte man so geschriebene Hauptseminar-Referate zur Überarbeitung zurückgegeben. Daß dergleichen heute als Dissertartion in Druck gehen kann, ist erschreckend. Das Kapitel zur CD-Einspielung (die unter keineswegs optimalen Bedingungen entstand und durch die Firma der Komponistin veröffentlicht wurde, S. 89-92), der (erst nach mehreren vergeblichen Anläufen geglückte, S. 95f.) konzertante Präsentation eines langen Auszugs bei einem Workshop zur Oper der Gegenwart in New York und zur UA in Osnabrück (S. 101-123), die – offenbar Remarques wegen, S. 116 – in den Medien auf breites Interesse stießt (S. 110ff.), faßt eher unkritisch Pressekritiken sowie Auskünfte der Komponistin zusammen. Die Inszenierung von Thomas Münstermann (zu ihr S. 125-148, auf der Grundlage des Arbeitsvideos) verlegte das Geschehen in ein Pflegeheim, wo sich der Protagonist als alter Mann an die traumatischen Kriegserlebnisse erinnert. Das umfangreichste Kapitel (S. 149-231) behandelt „Roman und Oper im interdisziplinären Vergleich“. Ein erster Abschnitt (S. 150-155) erörtert auf eher schmaler Basis (Anna Amalie Aberts längst überholter MGG-Artikel, Gier, Borchmeyer, Fricke) und recht sprunghaft den gattungssystematischen Ort des Librettos [die Borchmeyer zugeschriebene Auffassung, „dass das gesprochene Wort seine dichterische Qualität immer nur in Verbindung mit dem gesungenen Wort entfalten könne“, S. 153, findet in meinem Libretto-Buch keine Stütze; wenn Borchmeyer sich nicht entblödet, Marcel Reich-Ranickis Auffassung, das Opernlibretto sei keine „literarische Form“ zu zitieren, ist das übrigens kein Grund, es ihm nachzutun, S. 151]. Der folgende Abschnitt „Zur musikalischen Adaption literarischer Texte in der Oper“ (S. 156-161) stützt sich hauptsächlich auf Melanie Krämers Untersuchung von Verdis  Macbeth-Bearbeitung, deren Ergebnisse auf eine Roman-Adaptation nur schwer übertragbar sind. – Sehr detailliert werden Figurenkonstellation (S. 161-170) und Handlungsverlauf (S. 171-198) in Roman und Oper miteinander verglichen: In der Oper steht allein der Protagonist Paul im Mittelpunkt (S. 166); natürlich sind zahlreiche Episoden weggelassen (auch beschreibende Passagen und Reflexionen der Hauptfigur, S. 179). Für die Szene zu Anfang, wenn Pauls Klasse sich geschlossen freiwillig zum Kriegsdienst meldet, griff die Librettistin auf die erste Verfilmung des Romans (1930) zurück (S. 193f.). Die weitschweifig wiederholungsreichen Darlegungen führen zu dem Ergebnis, daß dem „wellenförmigen Aufbau“ des Romans ein „linearer Aufbau“ in der Oper (mit scharf kontrastierenden Szenen. S. 202) entspreche (S. 203), außerdem seien „alle großen Themenbereiche des Romans“ in der Oper „inkludiert“ (S. 207-223, Zitat S. 223). Das Kapitel schließt mit präzisen Detailbemerkungen zur Komposition (S. 224-231). – Die sehr ausführliche Zusammenfassung der Ergebnisse (S. 234-247) ist nicht besser geschrieben als der Rest.

Albert Gier (Bamberg)

lasalvia24.2014 | 48

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *