Frank Piontek
Ludvik Glazer-Naudé und Ingrid Leser-Matthesius: Die Zauberflöte. Oper von Wolfgang Amadeus Mozart. 48 Seiten. Mit zahlreichen Bildern und einer Audio-CD mit 14 Stücken. München: ars Edition 2014.

Es gibt ein berühmtes wie amüsantes Aquarell, dessen Original lange Zeit im Schloss Tiefurt hing, also in unmittelbarer Nähe des Weimarer Musenhofes, an dem sich der Operndirektor und Librettist Johann Wolfgang von Goethe besonders um Mozart gekümmert hat. Dieses entzückende Aquarell zeigt eine Kostümprobe zur Zauberflöte, die 1794 im Weimarer Hoftheater auf die Bühne kam. Man sieht also die Knaben, die sich gerade die Gewänder der verschiedenen Tiere anpassen lassen, man sieht die drei Damen und den Mohren, man sieht den Sarastro und einige seiner Priesterkollegen. Von der Decke hängt der Vogelkäfig des Mannes, der, direkt unter dem Requisit, in die berühmte Flöte bläst.

Ein wenig erinnert diese durchaus realistische Ansicht einer Probensituation an ein Bild, das der Leser und Betrachter eines neuen Kinder- und Jugendbuchs zur Zauberflöte von 1791 entdecken kann. Wir schauen da in eine Theaterwerkstatt des Theaters auf der Wieden, in dem gerade das gewaltige Gewand der Königin der Nacht mit Hunderten von Glassteinchen bestickt wird. Monostatos‘ Kostüm hängt über einer Schneiderpuppe, zwei Männer bewegen die riesige Schlange mit Stangen, und in der hinteren Tür klettert gerade ein kleiner Schimpanse am Rahmen entlang. Zwei Giraffen und ein buntgefiederter Vogel ergänzen das Bestiarium, während vor dem Fenster ein weiterer bunter Vogel entlang fliegt.

So begegnen sich die Wirklichkeit und die Fantasie: in einem Kinder- und Jugendbuch des Genres „Opernbuch“. Ludvik Glazer-Naudés und Ingrid Leser-Matthesius‘ Zauberflöten-Buch ist, natürlich, nicht das erste Buch zu Mozarts Oper, denn keine Oper wurde so oft ins Kinder- und Jugendbuch transportiert wie diese. Im Unterschied aber zu den zahlreichen anderen, optisch meist sehr schön gestalteten Versionen, die seit Jahrzehnten auf dem Markt zu haben sind, hat die Nacherzählung dieser Oper eine Ouvertüre. Das Theater beginnt hier vor dem Theater. Soferl, die wir uns als sechs- bis siebenjähriges Mädchen vorstellen müssen, ist das Medium, durch deren Augen wir die Vorbereitungen zur Uraufführung und schließlich die Aufführung selbst betrachten. Die zufällige Begegnung mit dem Komponisten vor dem Freihaustheater verschafft ihr auch den Anblick des Vertreters einer Gattung, die in Opernbücher für Kinder und Jugendliche ansonsten (mit Ausnahme des vergleichslosen Richard Wagner) nicht die geringste Rolle spielt – aber auch hier markiert der Librettist als Darsteller der kindgerechtesten Rolle der Zauberflöte eine Ausnahme von der Regel. Wir sehen also Emanuel Schikaneder, der seinen Komponisten zwei Monate vor der Uraufführung auffordert, doch endlich „noch wichtige Teile der Musik“ zu schreiben. Auch so kann die Reflexion auf die bekannten Legenden der Produktionsgeschichte im Kinderbuch aussehen; nein, man benötigt nicht immer ein Zauberflötenhäuschen. Unter dem Arm trägt der Librettist indes bereits eine große Papierrolle, die den Papageno zeigt: es ist eines von vielen genau ausgemalten Details, die auf jeder Seite dieser etwas anderen Zauberflöten-Geschichte entdeckt werden können. Die Noten von „Das klinget so herrlich“, die am Ende auf dem Hammerklavier stehen, könnte man fehlerfrei nachspielen.

Anders sieht auch das Freihaustheater hier aus, das mit der historischen Topographie des gewaltigen Wiener Baukomplexes nichts gemein hat, sondern wie ein „normales“ kleines und freistehendes Theater des 18. Jahrhunderts anmutet. So erlaubt sich der Zeichner des feinen Strichs etliche Freiheiten, die nicht mit der Lupe der exakten Wissenschaft betrachtet werden dürfen. Es genügt, dass das Innere des Theaterraums mit seinen Rängen und Logen dem jugendlichen Betrachter einen wirklichkeitsgetreuen Eindruck eines Theaterraums der Mozartzeit verschafft und der Blick in den Probenraum des Flötisten ein nichtauthentisches Jugendporträt Mozarts, eine der berühmten Kugeln und das frühe Bild der musizierenden Kleinfamilie enthält, dazu einen kleinen Hund, den man für Mozarts Zamperl halten könnte. So wird das Suchbild zu einem Cappriccio über Mozart-Themen, die das beliebte Thema „Mozart für Kinder“ in detaillierte Ansichten bringen.

Was der Leser und die jugendliche Leserin über Mozarts Oper lernen, geht indes nicht über eine Nacherzählung hinaus, die den bekanntlich kontrovers diskutierten Gehalt der Oper und die Definition von „gut“ und „böse“ nicht problematisiert. Sie soll und braucht es nicht – es genügt zunächst, dass mit Hilfe der Theateransichten die Fabel genau nacherzählt wird. Diese Ansichten sind paradox und ahistorisch, aber ästhetisch schön, indem sie – die überlieferten Abbildungen der ersten Zauberflöten-Aufführungen des späten 18. Jahrhunderts hinter sich lassend – zwischen der Ägyptenmode des 19. Jahrhunderts und, besonders in den Prüfungsbildern mit ihren schwebenden Gruselmasken und Fischen, einem sanften Surrealismus vermitteln. Gespiegelt werden diese Bühnenbilder in den kindlichen Augen und Ansichten der kleinen Uraufführungsbesucherin, die unversehens zu einem extrem guten Sichtplatz kommt. Das Nachspiel aber machen nicht der Untergang der dunklen Gewalten und die Feier des Hohen Paares, sondern der Besuch „Soferls“ in der Theatergarderobe, wo sie wieder auf Mozart, seinen Librettisten – und ein weiteres Wesen des Zauberflöten-Kosmos trifft.

Mag auch die Entstehungsgeschichte der Zauberflöte nur derart angerissen werden, dass es einen „anständigen“ Librettoforscher gruseln mag, so kann der Rezensent nicht verhehlen, dass er große Freude an dieser liebevollen Zauberflöten-Variation hatte, weil sie wenigstens ansatzweise mit liebe- wie fantasievollen Details in die Theaterwirklichkeit von 1791 ein- und entführt. Ein Kinderbuch, auch eines im Opernbereich, gehorcht anderen Regeln als eine wissenschaftliche Studie. Die Welt der Zauberflöte zwischen dem späten 18. Jahrhundert und der Ägyptenmode des Historismus, zwischen dem Probenalltag und der Aufführung mächtig und doch zart ins Bild gesetzt zu haben, ist eine sehr schöne Leistung. Ganz abgesehen davon, einmal einen echten Librettisten in einem Kinder- und Jugendbuch zu erblicken.

© Frank Piontek (Bayreuth)

lasalviaFrank Piontek
Ludvik Glazer-Naudé und Ingrid Leser-Matthesius: Die Zauberflöte. Oper von Wolfgang Amadeus Mozart. 48 Seiten. Mit zahlreichen Bildern und einer Audio-CD mit 14 Stücken. München: ars Edition 2014.

Hinterlasse eine Antwort

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind markiert *